Was sie über „MR NICE” wissen sollten!

Der Waliser Dennis Howard Marks war in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts im global erfolgreich als Drogenschmuggler tätig. Seine ungewöhnliche Vita vom Physikstudenten an einer Eliteuniversität, zum weltweit gesuchten Großkriminellen als Dope-Dealer, machte seine Autobiografie zum Bestseller.

Howard Marks studierte am Balliol College der Universität Oxford Philosophie und Physik. Nach seinem Abschluss arbeitet er zunächst als Lehrer, und kam (danach) über Umwegen als Gefälligkeit eines Freundes wegen, zum internationalen Drogenhandel. Die führende Antidrogenbehörde der Welt, die US-amerikanische Drug Enforcement Administration (DEA), ging davon aus, dass Marks in seiner aktiven Zeit ca. 10 % des weltweiten Haschisch- und Marihuana Handels verantwortete. Die Realität bescheinigte weit höhere Zahlen.

Die Besonderheit seines Erfolges besteht neben dem raschen Aufstieg darin, dass er sein Geschäft – zumindest nach eigenem Bekunden – ohne Gewalt abzuwickeln vermochte. Die Verfilmung seiner Eskapaden trägt dementsprechend den Titel „Mr. Nice“. „Donald Nice“ war neben „Elvis Presley“ einer der vielen Tarnnamen, unter denen Marks als Jet-Set-Millionär durch die Welt reiste.

Es gelang Marks zunächst, verschiedene staatliche Stellen gegeneinander auszuspielen. So führte er die Drogen über einen irischen Mittelsmann namens James McCann ein, der angeblich der Terrororganisation IRA als Waffenschmuggler angehörte (Die IRA bestritt die Zusammenarbeit). Zugleich ließ er sich, seiner Behauptung zufolge, vom britischen Geheimdienst MI6 und vom mexikanischen Militärgeheimdienst anwerben, um die IRA bzw. James McCann auszuspionieren. Zeitweise führte Marks die Fahndungsliste der meistgesuchten Personen von Scotland Yard an. Als er 1981 in Großbritannien wegen des Handels mit Drogen angeklagt wurde, konnte er mit dieser Behauptung einen Freispruch der Jury erwirken.

Da er jedoch auch in die USA Drogen einführte und zudem amtliche Dokumente fälschte, wurde er zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er etwas mehr als zwei Jahre verbüßte (1980 bis 1982). Marks führte zeitweise 43 Namen unter 89 Telefonanschlüssen und navigierte ein Geflecht aus ca. 25 Firmen. Seine Schmuggelrouten führten insbesondere in die größeren englischen Städte, sowie nach Kalifornien und New York.

1988 wurde der Bestsellerautor in Spanien in einer gemeinsamen „Operation Eclectic“ von DEA-Agenten und Scotland Yard-Ermittlern mit hohem finanziellem und personellem Aufwand aufgespürt. In Telefonmitschnitten belastete sich Marks schwer. Nach der Verhaftung von Marks und seiner der Komplizenschaft verdächtigten Frau Judy Marks im Juli 1988 wurde er nach einigen Monaten in Gefängnissen in Barcelona und Madrid an die USA ausgeliefert und zu 25 Jahren Haft verurteilt. Seine Organisation wurde gesprengt, nachdem Mitglieder und Zuarbeiter in England, der Schweiz, den USA, den Philippinnen, Thailand, den Niederlanden und Canada verhaftet worden waren.

Nach sieben Jahren in einem US-Hochsicherheitsgefängnis in Indiana wurde er vorzeitig entlassen und nach England abgeschoben. Um die Begründung für den drastischen Straferlass ranken sich viele Spekulationen. Anzunehmen wäre, dass er dafür Informationen über ehemalige Mittelsmänner und Partner preisgegeben hat, doch das bestreitet Marks. Nach eigener Auskunft knüpfte Marks während seiner Haftzeit Kontakte zu einigen bekannten Mafiafamilien.

1996 veröffentlichte Marks, der ja im Gefängnis Zeit zum Schreiben hatte, seine Autobiografie. Zunächst mit Hilfe eines Journalisten, später folgte eine Version, die er allein zu Papier gebracht hatte.  Die Autobiografie entwickelte sich rasch zu einem Bestseller in Großbritannien und wurde vielfach übersetzt. Zwei weitere Bestseller folgten 2006.

Howard Marks ist einer der dreistesten Dealer, den internationale Drogenfahnder jemals jagten. 1980 wurde „Mr Nice“ verurteilt und eingesperrt. Nun ist er frei, reist als Volksredner durch Europa und verkündet: Verbrechen lohnt sich. Die Bar direkt neben der polytechnischen Universität von Leeds gehört nicht zu den Orten, an denen Stars ihre Nächte verbringen. Das Bier ist fußwarm und billig. Ein Schild auf dem Weg zum Klo verbietet, das Glas mitzunehmen und an der Pinkelrinne weiterzutrinken.

Er war ein Star da, der nichts gegen warmes Bier hat – solange die Kasse stimmt. Er sitzt im Saal auf der Bühne und wird diesen Abend etwas ganz Besonderes feiern. Sich selbst. Ungefähr tausend Leute haben acht Pfund Eintritt bezahlt, um mit ihm zu feiern. Sie stehen ein paar Stunden in einem fensterlosen Raum und lassen sich von qualmenden Joints so einnebeln, dass der Mann auf der Bühne nur noch schwer zu erkennen ist.

Viele Engländer halten den Mann da oben nicht für einen Star, sondern für einen Terroristen, dessen Leben ein Anschlag auf Anstand und Moral ist, der eingesperrt gehört, in ein tiefes, dunkles Loch mit einem schweren Deckel drauf. Die Leute im Saal feiern ihren Helden trotzdem: Howard Marks, den Drogenschmuggler, Howard Marks, den Jet-setter, Howard Marks, den Geheimagenten.

Sie feiern den Mann, der es auf die Titelseiten der britischen Boulevardpresse schaffte, auf ein Plattencover der Super Furry Animals und an die Spitze der Fahndungsliste der englischen Polizei. Sie feiern den Mann, der mit Hilfe der IRA und des britischen Geheimdienstes MI6 vom Freizeitdealer zum berüchtigten Chef eines internationalen Syndikats aufstieg, der in neun Ländern gejagt wurde, der 43 Namen besaß, 89 Telefonanschlüsse, 25 Firmen und der jetzt da vorne im Nebel hockt, einen Joint, groß wie ein Schornstein, in der Hand, und ihnen seine Lebensgeschichte erzählt, die eine Moral hat. Sie lautet: Verbrechen lohnt sich.

Marks begann seine Karriere Ende der Sechziger in Oxford. Er studierte Physik, und seine Professoren waren der Meinung, er sei ein Genie, das seine Zukunft ruiniere, weil Marks sich mit Joints und Led Zeppelin zudröhnte, statt zu arbeiten. Doch Marks lag nicht nur auf dem Bett und blies Rauch an die Decke, er war ein Straßendealer, der hart daran arbeitete, in der Hierarchie der Haschischverkäufer aufzusteigen. Der Mann, der ihm den Sprung aus der Anonymität in die Villen und Cadillacs ermöglichte, hieß Jim McCann. Marks traf ihn das erste Mal vor knapp 30 Jahren an der Südküste Irlands in einem Fischerhaus: McCann auch >>The Kid<< genannt, stolperte sturzbetrunken ins Zimmer, trat einen schlafenden Hund und behauptete, in ein paar Stunden John Lennon zu treffen, weil der ein Solidaritätskonzert für die IRA geben wolle. Sollte er nicht kommen, werde ich >>The Kid<< ihn umbringen. Wahrheit oder Fiction, konnte man bei McCann nie unterscheiden…

McCann war ein Ganove aus Belfast, der durch seine Flucht aus einem angeblich ausbruchssicheren Gefängnis zu bescheidenem Ruhm gelangt war und prahlte, Waffenhändler der IRA zu sein. Die IRA bestritt das. Sie wollte mit McCann nichts zu tun haben. Marks traute ihm auch nicht, aber er brauchte ihn. McCann stand im Ruf, alles ins Land schmuggeln zu können. Und es für ein Viertel des Gewinns auch zu tun.

Marks bestellte seine erste Ladung Haschisch in Pakistan, McCann erledigte seinen Teil des Geschäfts gut. Freunde von Marks fuhren das Haschisch in den Türverkleidungen gebrauchter Ford Capris in die Städte Englands – ein paar Wochen später war Marks um 50 000 Pfund reicher. Er wiederholte das Geschäft ein paar Mal und bastelte sich seinen Großhandel zusammen. Das war fast so leicht, wie es sich anhört. Es waren die Siebziger, die Haschischschmuggler gehörten zu den guten Jungs. Ihr Kraut brannte im Zentrum der Revolution, die den Menschen bessere Musik, besseren Sex und eine neue Bewusstseinsebene bescherte.

Wer mit Haschisch handelte, rauchte selbst Haschisch und machte Geschäfte mit anderen Haschischrauchern, „die einfach nur eine gute Zeit haben wollten, während der Rest der Welt gnadenlos hart wurde“, erinnert sich Marks.

Mit Hilfe eines zweiten Partners baute Marks eine Schmuggelroute nach Kalifornien auf und eine nach New York. In Kalifornien arbeitet er mit Dealern der “ The Brotherhood of Eternal Love “ zusammen. Er schickt ihnen mehrere Tonnen Haschisch nach Las Vegas, versteckt in den Lautsprechern fiktiver Rockbands. Die erste nannte er „Laughing Grass“. Sein Abnehmer in New York war die Mafia. Ihre Männer waren nicht Teil der Kiffer-Revolution, aber es waren Profis, die billiger dealten als McCann.

Von 1975 bis 1978 organisierte Marks 24 Transporte über den New Yorker JFK-Flughafen. Nach Abzug der Kosten betrug der Gewinn aller Beteiligten 48 Millionen Dollar, aber für seinen Erfolg zahlte Marks einen Preis: Er musste Koffer voller Geld kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten schleppen, und nach einer Weile war er das so gründlich leid, dass er sich hinsetzte und einen Weg suchte, die illegalen Millionen in die legale Wirtschaft zu schleusen.

Zunächst gründete er die Boutique „Anna-Belinda“, die vom ersten Tag an verdächtig viele Kleider verkaufte. Das funktionierte, reichte aber noch nicht. Nun kaufte Marks unter seinem echten Namen kiloweise wertlose Briefmarken und anonym wertvolle Marken, die er mit dem illegalen Geld bezahlte, das in seiner Wohnung in Pappkartons lag. Diese Marken, die er angeblich in seiner billigen Kiloware gefunden hatte, verkaufte er wieder, bekam so sauberes Geld und verbuchte Preisdifferenz und Steuer unter Waschkosten. Das funktionierte auch. Aber reichte immer noch nicht.

Marks löste sein Problem erst, als er Kontakte zur chinesischen Mafia bekam. Sie vermieteten ihm gegen fünf Prozent Gewinnbeteiligung Kuriere. Das Geld landete auf Firmenkonten von Marks Schwager – Patrick Lane (dieser vergrub der org. „Mr Nice“ Passport) auf den Cayman-Inseln, den Jungferninseln und in Monrovia. Nachdem Marks sein Kofferproblem gelöst hatte, begann er sich darum zu kümmern, das Drogengeld auszugeben.

Er mietete sich eine Suite im Waldorf- Astoria in New York, kreiste mit einem Hubschrauber über Manhattan, hing im Studio 54 herum und feierte mit Mick Jagger und John Lennon. Er leistete sich ein Apartment in Miami, kaufte sich einen Cadillac Seville, beantragte einen Führerschein auf den Namen Elvis Presley, genoss das Leben und war überzeugt, dass niemand ihn fassen könne. Die britische Polizei fahndete schon seit 1973 nach ihm und hatte keine Ahnung, wo er steckte.

In Schottland lagerte Marks 15 Tonnen Haschisch und schlug wie geplant eine Tonne pro Woche um, bis ein Undercoveragent des britischen Zolls eines der Lagerhäuser entdeckte. Marks war gezwungen, mehrere Tonnen Haschisch ins Meer zu werfen, die während der nächsten Wochen an die schottische Küste gespült wurden. Die Zeitungen fanden das witzig, jedoch für die Polizei und den Zoll war es eine Blamage.  Kurze Zeit später wurde Jim McCann, Marks“ erster Partner, in Dublin wegen Rauschgiftschmuggels angeklagt. Während der Verhöre gab er die Identität preis, unter der Marks am häufigsten reiste: Mister Nice. McCann wurde freigesprochen, Howard Marks wurde an der Bar des Swan Hotels in Lavenham, England, verhaftet.

In der Untersuchungshaft entwarf Marks seine Verteidigungsstrategie: Er sei vom britischen Geheimdienst MI6 angeworben worden, um den IRA-Waffenhändler Jim McCann in illegale Drogengeschäfte zu verwickeln. Ein Jahr später habe der Zoll diesen Plan vereitelt und Marks festgenommen. Der MI6 holte ihn aus dem Gefängnis und verlieh ihn an einen mexikanischen Geheimdienst, der auch an McCann interessiert war, weil der Terroristen angeblich Waffen beschafft hatte. Marks verfolgte McCann und schleuste sich als angeblicher Käufer in Drogenhändlerringe in Laos, Thailand, Kolumbien und Burma. Schließlich verwickelte er McCann in ein Drogengeschäft und sorgte für dessen Verhaftung. Bevor Marks seinen großen Triumph feiern konnte, wurde er wieder vom britischen Zoll festgenommen – soweit Marks“ Version. Die Antwort seines Anwalts: „Das ist die lächerlichste Verteidigung, die ich je gehört habe.“

Marks wiederholte sie vor Gericht und wurde freigesprochen. Nur für den Besitz falscher Papiere musste er zwei Jahre absitzen. Die Untersuchungshaft wurde ihm angerechnet. Fünf Tage nach Ende des Prozesses konnte er das Gefängnis verlassen. Heute erzählt er grinsend, dass alles erstunken und erlogen war. Er habe nie für einen mexikanischen Geheimdienst gearbeitet. Der angebliche Agent war ein Bekannter, der sich den Auftritt bezahlen ließ. Marks hat McCann auch nie im Auftrag des britischen MI6 bespitzelt.

In Wahrheit wurde Marks im Dezember 1972 von einem Studienfreund angesprochen, der für den MI6 arbeitete. Er sollte eine Mitarbeiterin der tschechoslowakischen Botschaft verführen. Sie wurde verdächtigt, für das KGB zu spionieren. Marks sagte zu, aber die Frau tauchte zum Rendezvous nicht auf, der MI6 meldete sich nie mehr.

Nachdem Marks aus der Haft entlassen worden war, schrieb er zusammen mit dem Journalisten David Leigh seine erste Autobiographie. Der Titel: „High Time“. Das Buch war ein Flop, aber Zollbeamte und Polizisten hassten es, weil es sie wie Deppen aussehen ließ. Ein Exemplar landete auf einem Schreibtisch der amerikanischen Botschaft in Madrid. Der Schreibtisch gehörte Craig Lovato (Kontakt durch Mefa Dämgen besteht), Agent der US-Drogenpolizei DEA. Lovato war seit sechs Jahren Agent der DEA, und er war überzeugt, dass jeder Kriminelle gefasst werden kann, wenn man es nur wirklich will.

Der Großkriminelle und Kleinschriftsteller Marks war mittlerweile in Lovatos Revier gezogen, in eine Villa auf Mallorca, reiste nicht öfter als nötig und wickelte seine Drogengeschäfte am Telefon ab. Es ging ihm gut. Er war richtig reich. Er hatte gerade ein 10-Tonnen-Geschäft beendet, wieder viele Millionen Dollar verdient, ein 30-Tonnen-Deal war auch erledigt, und er wusste schon lange, dass die DEA seine Telefone abhörte.

Um sich die lästigen Erste-Klasse-Flugreisen und persönliche Treffen zu ersparen, hatten sich Marks und seine Geschäftspartner auf einen Code geeinigt und organisierten ihre Transporte trotz der Überwachung weiter am Telefon.

Craig Lovato hörte mit. Nach einem halben Jahr saß er auf 433 Mitschnitten und war der festen Überzeugung, dass er den Code knacken und Marks vor Gericht bringen könne, wenn er nur hartnäckig genug war. Das Dechiffrieren einer einzigen Telefonnummer kostete ihn Tage, und selbst nachdem er herausgefunden hatte, dass er 218-8513 mit sieben multiplizieren musste, um den richtigen Anschluss zu finden, besaß er nur ein Indiz. Das reichte nicht für eine Anklage, aber Lovato überzeugte seine Vorgesetzten, daß eine internationale Fahndung nötig sei, um Marks zu fassen. Lovato taufte die Fahndungsgruppe „Operation Eclectic“, ihre Zentrale lag in einer Kammer der DEA-Zweigstelle Miami.

Der entscheidende Schritt gelang Craig Lovato, als er einen ehemaligen engen Mitarbeiter Marks“ zwang, Kontakt zu seinem Ex-Boss aufzunehmen. Lovato schnitt das Gespräch mit, in dem Marks sich schwer belastete.

Am 25. Juli 1988 klingelten DEA-Agenten an der Tür des Dealers. Die nächsten Monate saß er in einem Madrider Gefängnis und versuchte, seine Auslieferung in die USA zu verhindern. Marks hatte guten Grund, amerikanische Gerichte zu fürchten. Auf ihn warteten mindestens 20 Jahre Haft. Im Oktober 1990 wurde er verurteilt, zu 25 Jahren. Zu verbüßen im Hochsicherheitsgefängnis Terre Haute, Indiana. Fast 5 Jahre drückte sich Marks auf den Fluren vorbei an Mitgliedern der Black Muslims, der Aryan Brotherhood, der mexikanischen Mafia und der >>Hells Angels<<, ohne verprügelt, vergewaltigt oder ermordet zu werden. Dann wurde er vorzeitig entlassen. Bis heute behauptet er, er wisse nicht, warum. „Ich habe niemanden verpfiffen.“

In England wartete ein neues Leben auf Marks. Er war nicht nur ein dreister Dealer, er war der Märtyrer der Haschischraucher. Und er war ein Mann, mit dem sich Geld verdienen lässt. Ein Verlag bot Marks einen ordentlichen Vorschuss, Marks schrieb eine zweite Autobiographie, diesmal allein. Sie verkaufte sich bis heute gut 1.00 000mal und wurde in drei Sprachen übersetzt. Um das Geschäft am Laufen zu halten, trat Marks als Kandidat der Marihuana-Partei an, bewarb sich bei der Regierung als künftiger Chef der britischen Anti-Drogenbehörde, zieht durch Talkshows, murmelt auf Hip-Hop-Platten heiser „gettin“ high“, gibt im Internet Tipps zur korrekten Geldwäsche, liest in Deutschland (organisiert by Frank Steffan/Mefa Dämgen)aus seinem Buch und genießt es, ein Gangster und ein Star zu sein.

Bernard Roses Film „Mr. Nice“ erzählt vom Leben des Dealers Howard Marks, der einst zehn Prozent des weltweiten Marihuana-Handels organisierte. Ein Mann im weißen Anzug steht auf der Bühne eines Theaters und fragt in den gutgefüllten Zuschauerraum hinein, ob Polizisten im Publikum seien. Niemand rührt sich. Ob denn vielleicht Kiffer da seien, will er wissen. Begeisterte Zustimmung. Der Mann zieht einen Joint hervor und steckt ihn an. Die Zuschauer bestaunen ihn wie einen Magier.

Der Mann, der hier in Bernard Roses Film „Mr. Nice“ seinen Auftritt genießt, heißt Howard Marks und war in den siebziger und achtziger Jahren ein ziemlich erfolgreicher Drogenhändler.

Mindestens zehn Prozent des weltweiten Marihuana-Handels habe der Brite zeitweise organisiert, schätzte die amerikanische Anti-Drogen-Polizei DEA, die ihn 1988 verhaftete. Die akkurat geführten Akten der US-Ermittler, die ihn jahrelang um den Globus jagten, hätten ihm sehr geholfen, durch die Nebelwand des Dauerrauschs einigermaßen klar auf sein Leben zurückzublicken, bekannte Marks. 1996 brachte er nach sieben Jahren Haft in einem US-Gefängnis seine Memoiren heraus. Sie wurden ein Bestseller und sind die Grundlage für diesen Film.

Marks, Jahrgang 1945, war nach eigenem Bekunden ein braver Junge aus Wales, der von seinen Mitschülern als Streber verspottet wurde, in den sechziger Jahren in Oxford studierte und dort den ersten Joint seines Lebens rauchte. In wenigen Jahren entwickelte er sich zum Hanfdampf in allen Gassen, der Millionen Menschen glücklich machen und damit reich werden wollte.

Der Dealer, der unter mehr als 40 Decknamen agierte, war ein global denkender Start-up-Unternehmer, der mit Hilfe pakistanischer Diplomaten feinstes Marihuana quer durch Europa schmuggelte, Kämpfer der IRA und Agenten des britischen Geheimdienstes MI6 gegeneinander ausspielte, um die Droge über die Welt zu verteilen, und der mit jedem, der ihm helfen konnte, ein Joint Venture einging.

Marks tingelte mit seiner „One-man-and-many-joints-Show“ quer durch Europa, plaudert vor Hunderten Zuschauern stoned aus seinem ereignisreichen Leben und spricht sich vehement für die Legalisierung der „wohltuenden Kräuter“ aus. In den gut 700 Seiten langen Memoiren von Marks spürt man auf jeder Seite einen verführerischen Hedonismus, der darauf beruht, möglichst selten bei Sinnen zu sein, und eine geradezu ansteckende kriminelle Energie.

arks beschrieb seine Taten als Überzeugungstäter, wie folgt: „Gelegentlich fuhr ich mit einem beladenen Wagen über eine europäische Grenze, wobei ich jedes Mal einen religiösen Flash und einen asexuellen Orgasmus bekam“.

Der Film zitiert diese Sätze fast wörtlich, aber er zitiert sie eben nur. Regisseur Rose verfilmt das Buch von Marks mit der Haltung eines Drogenberatungslehrers, der überaus verständnisvoll tut, aber letztlich dann doch recht wenig versteht, weil er viel zu viel Angst davor hat, sich einmal so richtig gehenzulassen. „Mr. Nice“ fehlt immer wieder der Mut zur Grenzüberschreitung.

Rose zeigt eben nicht, wie die Dealer das klassische Familienauto für ihre Zwecke entdecken: als eine Ansammlung von Hohlräumen, die man mit Drogen vollstopfen kann. Er zeigt stattdessen lang und breit, wie Marks bei einer Grenzkontrolle missmutig mitansehen muss, wie Zollbeamte die Sitzpolster seines Wagens zerschneiden. Er filmt den Dealer mit den Augen eines Spießers.

Während der Held mit Geld um sich wirft, sieht der Zuschauer, dass bei den Dreharbeiten gespart werden musste. Weil das Budget fehlte, um etwa das London der siebziger Jahre nachzubauen, wurde der Hauptdarsteller Rhys Ifans in historische Dokumentaraufnahmen hineinkopiert. So wirkt er in den Straßenszenen oft wie ein Fremdkörper. Doch gibt einem Marihuana nicht gerade das Gefühl, mit der Umgebung eins zu werden?

Bisweilen macht der Film „Mr. Nice“ den Eindruck, als sei er auf der völlig falschen Droge. Statt sich entspannt in die Zeit fallen zu lassen, hetzt er wie auf Speed durch die Jahrzehnte. So kam Marks auf die Idee, Marihuana in den Lautsprecherboxen von Pop-Bands in die USA zu schmuggeln. Im Film bekommen die Zuschauer kaum mit, dass er zu diesem Zweck sogar Bands erfand, die es gar nicht gab.

Den Aberwitz von Marks‘ Erlebnissen kann der Film zu selten vermitteln. Doch immerhin gibt es eine Szene, in der ein IRA-Kämpfer (gespielt von David Thewlis), der für Marks Drogen transportiert, in den USA von Spezialeinheiten verhaftet wird. In völlig aussichtsloser Situation zündet er eine Granate, die alles binnen Sekunden in einen dicken grünen Dunst hüllt – Grün ist die Nationalfarbe Irlands.

Am Ende dieser surrealen Szene füllt das Grün fast das gesamte Bild. In diesem Augenblick spürt der Zuschauer, wie schön es sein kann, in einem wunderbaren Nebel zu versinken, der diese manchmal so verdammt lästige Wirklichkeit verschwinden lässt.

In den Achtzigern organisierte er laut der amerikanischen Anti-Drogenpolizei DEA zeitweise zehn Prozent des weltweiten Marihuana-Handels – jetzt ist der Publizist, Aktivist und Kiffer Howard Marks laut britischen Medien im Alter von 70 Jahren nach einer Krebserkrankung gestorben.

Marks wurde 1945 in Wales geboren, nach einem Studium in Oxford stieg er in das Drogengeschäft ein. In seiner Hochzeit in den Siebzigern und Achtzigern agierte er unter mehr als 40 Decknamen, schmuggelte mit Hilfe pakistanischer Diplomaten feinstes Marihuana quer durch Europa und spielte Kämpfer der IRA und Agenten des britischen Geheimdienstes MI6 gegeneinander aus, um die Droge über die Welt zu verteilen. Laut eigenem Bekunden hielt er seine Geschäfte dabei stets frei von Gewalt.

Früh arbeite Marks, der von Wegbegleitern stets als charmant und einnehmend beschrieben wurde, am eigenen Mythos des sympathisch-schlitzohrigen Kriminellen: 1978 etwa trat er, obwohl auf der Flucht vor den Ermittlern, in London bei einer Show für Elvis-Imitatoren auf – die Presse war begeistert.

1988 wurde der Dope-Schmuggler in den USA gefasst und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber nach sieben Jahren auf freien Fuß. 1996 veröffentlichte er seine Biografie „Mr Nice“, ein Jahr, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war. Die akkurat geführten Akten der US-Ermittler, die ihn jahrelang um den Globus jagten, hätten ihm sehr dabei geholfen, durch die Nebelwand des Dauerrauschs einigermaßen klar auf sein Leben zurückzublicken, so Marks. Das 700 Seiten starke Buch machte ihn unter Anhängern weicher Drogen zur Kultfigur. 2010 wurde es verfilmt, in den Hauptrollen waren Rhys Ifans und Chloë Sevigny zu sehen.

Später tourte Marks als Redner, Entertainer und Aktivist durch die Welt; zudem arbeitete er als DJ und besaß eine eigene Plattenfirma. Zeit seines Lebens setzte sich Marks, der sich auf öffentlichen Bühnen gerne einen Joint ansteckte, weiter für die Legalisierung von Marihuana ein.

In einem Interview mit dem britischen „Observer“ sagte er im vergangenen Jahr: „Natürlich befürworte ich die Legalisierung von Marihuana zu medizinischen Zwecken. Persönlich wollte ich aber nie darauf warten, bis ich Krebs hatte, um legal rauchen zu können.“

Er schmuggelte Marihuana tonnenweise aus Pakistan, oft in den Lautsprechern von Rockbands, erfundenen und tatsächlich existierenden. Und seine Richter in London überzeugte er davon, dass er in Wahrheit kein Drogenschmuggler sei, sondern ein Terroristenjäger, unterwegs im Auftrag des mexikanischen Geheim-dienstes. Marks, bekannt als Mr Nice, war einer der erfolgreichsten und mit Sicherheit der charmanteste Drogendealer, den Großbritannien hervorgebracht hat.

Er handelte ausschließlich mit weichen Drogen. Nach seiner Verurteilung durch ein US-Gericht und sieben Jahren Haft begann er ein neues Leben als Entertainer. Seine früheren Abenteuer gab er auf großen Bühnen zum Besten. Howard Marks starb am 10. April 2016 in Leeds an Bauchspeichendrüsen-Krebs.